„Reaktiv sein“ – zwischen Befund und Vorwurf

Mitarbeiter lassen sich auf Veränderungen in ihrem Arbeitsumfeld ganz überwiegend reaktiver, Führungskräfte deutlich aktiver ein. So unumstößlich dieser Befund auch ist, abgeleitet aus der jeweiligen Sprachanalyse der schriftlichen Inhalte von rund 50 als Online-Echtzeit-Diskussion geführten Gruppen-Feedbacks, so wenig taugt er doch als harter Vorwurf gegenüber dem eigenen Team.

Angenommen, die Mehrheit aller Stimmen auf Mitarbeiterebene in der Auseinandersetzung mit Herausforderungen wäre durchweg proaktiv. Der frische Wind wäre unverkennbar. Aus einem echten „Wir-Gefühl“ folgt ein mutiges „Ich kann!“. Zugleich wäre jedoch auch ausgedrückt, der aktuellen Wirklichkeit seinen eigenen Stempel aufdrücken zu wollen. Man ist dann eben kein „kleines Rad“ gegenüber denen „da oben“, sondern zeigt, eigene Arbeitsbereiche, eigene Projekte aktiv verantworten zu können. Aus einer solchen Erwartungshaltung muss das Top-Management Konsequenzen ableiten – sonst dreht sich die Stimmung ins Negative.

Ist eine Situation, in der aktives Gestalten (zunächst) nicht oder kaum zu den Prioritäten gehört, deshalb durchweg negativ? Manchmal steckt im Reaktiv-Sein nur eine Art tastendes Gestalten – ein sich-Einlassen, soweit die Rahmenbedingungen stimmen. Vor dem Hintergrund einer in unbekannten Sprüngen zunehmenden Digitalisierung ist das keine schlechte, für viele sogar oft die einzige Strategie.

Heißt „reaktiv“, dass es vor allem an emotionaler Bindung zum Unternehmen mangelt? Immerhin veröffentlicht das renommierte Gallup-Institut Jahr um Jahr in seinem sog. Engagement-Index, dass knapp ein Fünftel aller Arbeitnehmer in Deutschland innerlich gekündigt haben. Emotional sind sie am Nullpunkt angekommen. Vielleicht zeigen unsere Analysen vor allem deshalb ein anderes Bild, weil hier gemeinsam erlebtes Feedback stattfindet. Die Gruppe schützt und motiviert. Sich mit seiner eigenen Meinung gehört zu wissen, zugleich die Möglichkeit zu haben, zu sagen, wie man selbst einen relevanten Veränderungsbeitrag leisten kann: Das ist ein wirksamer Katalysator für ein Mehr an Unternehmenskultur. So kann über die Zeit aus einer reaktiven Haltung ein Zug um Zug aktiveres Momentum erwachsen.