Hyper-Agilität macht stutzig

Niemand hat gesagt, dass es einfach ist, sich in effektiver Weise auf agiles Arbeiten einzulassen. Je mehr jedoch das Thema zum Betriebsausflug mit anderen Mitteln ausartet, desto härter fällt der Realitätscheck aus. Es geht einmal mehr um kluges Vorbild-Sein.

 

Schreibt uns gerade eine Konzern-Mitarbeiterin: „Agiles Projektmanagement, Scrums und Sprints… Unser Programm heißt (geschwärzt) und bei uns gibt es im sog. „Campus Garden“ sogar Strandkörbe, die man als „Creative Boxes“ bezeichnet… Ich bin auch in solchen agilen Projekten unterwegs und kenne die Armada an Haftnotizen gut. Hat sicherlich auch was für sich, die altmodischen verkrusteten Prozesse ganz neu anzugehen und macht auch Spaß. Aber der Nachgeschmack bleibt, dass wir uns hierbei unser eigenes Grab schaufeln.“

 

Lässt das nicht aufhorchen? Zu viel kann einfach auch einmal zu viel sein. Kurzgefasst: Wer mit dem Trendwort „Agilität“ sein Unternehmen infiltriert, sollte gemahnt sein, dass ihm nicht nur Begeisterung entgegen schlägt. Eine inspirierende Übersetzung tut not. Und diese beginnt nicht damit, sie dem Mitarbeiter vor Ort abzuverlangen. Sie beginnt mit deutlich top-down gesetzten und von allen erlebten Akzenten. Beispielsweise mit einer Rotation auf der zweiten Führungsebene, mit dem Ausdünnen interner Regularien, mit einer gelebten Politik der offenen Tür, mit Wechselangeboten, die auch die Chance beinhalten, an den alten Platz zurückkehren zu können. Und sie erfordert, zeitlich Spielräume zu ermöglichen, sich auf Neues einzustellen.

 

Die schwierigste Aufgabe scheint mancherorts zu sein, sich mit dem Vorbild von Alphabet/Google auseinander zu setzen. Dort stand es bis vor wenigen Jahren jedem Mitarbeiter frei, im Rahmen seiner normalen Arbeitszeit je Woche einen Tag Zeit zum Entwickeln seiner Ideen zu nutzen. Ungesteuert kann ein solches 20-Prozent-Modell schnell in 100 + 20 statt 20 von 100 kippen. Management und möglichst auch Betriebsrat sollten deshalb beim Thema Arbeitszeitflexibilität immer auch die daraus erwachsenden Anforderungen an die Aufgabenzuordnung mitbedenken. Hierzu transparente Lösungen anzubieten, wird ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im Ringen um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein. Wer mag, kann dies dann obendrein noch „agil“ nennen.